Behinderte Frauen lernen zu kontern

"Pilotprojekt" verläuft erfolgreich - Ziel ist, verbal und nonverbal sicherer aufzutreten

Fast alle, die in Zimmer 209 im Polizeipräsidium im Kreisrund sitzen, haben es schon am eigenen Leib erfahren: Beleidigungen, Belästigungen, Schmährufe. Sieben Frauen, geistig und/oder körperlich behindert, werden dem künftig ganz anders begegnen: dank eines Selbstbehauptungstrainings bei der Polizei.

Seit geraumer Zeit bietet der Polizeisportverein mehrmals im Jahr Selbstbehauptungskurse für Mädchen und Frauen an. Das Angebot für Frauen mit Handicap ist "ein Pilotprojekt", sagt die Diplom-Pädagogin Sandra Kowitz, die das Training zusammen mit dem Polizisten Michael Ronsieck leitet. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass aus dem Piloten eine Serie werden könnte. Und für Männer mit Behinderungen, wo die Nachfrage noch größer ist, ebenfalls angeboten werden könnte. Mangels Erfahrungen wird derzeit an einem Konzept gearbeitet. Das Training unterscheidet sich kaum von dem mit nicht Behinderten. Etwas Theorie: An einer Wand hat der Kurs Aussagen aufgehängt. "Wahr: Selbstsichere Verhaltensweisen können verhindern, dass Täter eine Frau als Opfer ansehen und ansprechen." "Nicht wahr: Jeder Mann ist ein möglicher Vergewaltiger."

Zur Praxis: Mit das Wichtigste ist ein sicherer Stand, oder besser: ein sicheres Auftreten. "Verbal und nonverbal", betont Kowitz. Das bedeutet, Unbekannte mündlich auf die Einhaltung von körperlichen Distanzen hinzuweisen. Aber auch, sich zu wehren, wenn jemand zu nahe kommt. Notfalls mit der Faust. Auch das wird geübt. Springender Punkt: immer mit geradem Arm schlagen, damit das Gelenk nicht strapaziert wird. Detlev Schierok, Vorsitzender des Mülheimer Hobby- und Freizeitclubs zur Integration behinderter Menschen, der das Projekt mit dem PSV angestoßen hat, weiß: Menschen mit Handicap haben ein Problem, "ihnen fehlt das Empfinden für Gefahrenmomente", was sie anfälliger macht für eine Opferrolle. Da haben die sieben Frauen dazugelernt. "Wie muss eure Stimme sein?", fragt Kowitz in die Runde. "Laut!". "Wie müssen eure Aussagen sein?" "Klar und direkt!". "Was nehmt ihr denn aus dem Kurs mit?", fragt Kowitz kurz vor der Mittagspause. "Ich weiß", meint Sabine, "dass man mit seiner Stimme viel erreichen kann. Man muss selbstbewusster auftreten." Und trotzdem locker sein: Einer der Betreuer geht auf Nives ("Na, Bienchen") zu und klopft ihr auf die Schulter. "Komm' mir nicht zu nah", ruft sie und alle brechen in schallendes Gelächter aus.