Erste Schritte in ein neues Leben

- Polizeistiftung hilft Kindern auf die Beine -

(Westfälische Nachrichten Münster vom 19. März 2005)

Das Kinderbett war bereits ausgesucht. "Mit eingebautem Tisch, wie es sich für ein Schulkind gehört." So oder ähnlich hatte es der Vater seiner Tochter versprochen, die im Sommer in die Schule kommt. Ein Versprechen, das uneingelöst blieb; kurz drauf war der 38-jährige tot. "Beim Überqueren der Bahngleise vom ICE erfasst", meldete die Polizei.

Was im Detail geschah, ließ sich nur rekonstruieren. Es ist Mitte Februar, früh am Morgen. Der Familienvater hat in seiner Lieblingskneipe in der Nähe des Mülheimer Westbahnhofs gefeiert. Auf dem Heimweg nimmt er eine Abkürzung über die Gleise. "Ob er den ICE nicht hörte oder der Sog zu groß war..." Polizei-Sprecher Thomas Weise hebt die Schultern.

Für ihn und seine Kollegen gilt es in den kommenden Tagen, "ein Fremdverschulden auszuschließen". Für Familie wie Polizei keine leichte Zeit. Ein Gutes indes haben die Ermittlungen. Die zuständigen Beamten werden auf das Leid der Hinterbliebenen aufmerksam und schlagen die Mutter und ihre beiden kleinen Töchter für die Polizeistiftung "David und Goliath" vor.

"Mit ihr greifen wir Kindern von Opfern unter die Arme", umreißt Mülheims Polizeipräsidentin Gisela Röttger-Husemann das Ziel der Stiftung, die sich aus Spenden und Sponsorengeldern speist. Für die Mülheimer Familie bedeutet das: 1.500 Euro für das lang ersehnte Kinderbett samt Schreibtisch und einen Urlaub an der Nordsee.

"Nach dem Verlust des Vaters stand die Familie vor dem finanziellen Aus", weiß Thomas Weise, "da fehlte einfach Geld für beides." War der verstorbene Betonbauer doch Haupternährer der Familie, für die erschwerend hinzukam, dass die vier- und sechsjährigen Schwestern bronchialkrank sind. Auch da soll die Seeluft Abhilfe schaffen.

Als Kontaktmann zu den Familien geht Thomas Weise meist allein vor. "Für diese Menschen ist die Trauer noch frisch, wieso sollte ich da mit Kohorten im Schlepptau auftauchen?" fühlt sich der Beamte ein. Natürlich stehe die Freude über den Geldregen dem Gefühl des Verlusts gegenüber, natürlich seien die Reaktionen der Beschenkten daher eher verhalten dankbar.

Dennoch erfüllt ihn seine Rolle mit Genugtuung, mit Gewissheit, dass Hilfe in der Not nicht selten von unverhoffter Seite kommt. "Ein gutes Gefühl, wenn man selbst Vater ist", bekennt er. Ihm ist klar: "David und Goliath" sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein und doch - so etwas wie ein erster, vorsichtiger Schritt in ein neues Leben.

Zum Thema: David und Goliath

Die Polizeistiftung "David und Goliath" ist vor zwei Jahren aus dem Mülheimer Polizeisportverein hervorgegangen. Bis dahin habe der Verein Selbstbehauptungskurse, Fahrsicherheitstrainings sowie Vorträge über Trickbetrug angeboten. Was fehlte, sei ein mildtätiges Standbein gewesen. Das habe man in "David und Goliath" gefunden.

Nicht nur Kindern von Opfern greife man mit den Geldern unter die Arme. Auch den Flutopfern am Indischen Ozean seien sie zugute gekommen. Zudem habe man eine Geschenkaktion für Sprösslinge sozialschwacher Eltern gestartet und ein Hilfspaket für Kinder geschnürt, die nach Unfällen unter Traumata leiden.